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Reitkunst, auch klassische Reitkunst, ist ein Reitsystem für Pferde, das über längere Zeiträume bewährte Prinzipien der Pferdeausbildung zu einem Kanon zusammenfaßt und in seiner verfeinerten Ausprägung einen künstlerischen bzw. kunsthandwerklichen Anspruch an den Ausdruck des Pferdes hat.

Grundsätze

Wichtige Grundsätze der Reitkunst sind die freiwillige Mitarbeit des Pferdes und ein Muskeltraining, das das Pferd in die Lage versetzt, das Gewicht des Reiters in allen Lektionen ohne Schaden an Leib und Seele ein Leben lang tragen zu können. Hierzu wird der Schwung des Pferdes - seine muskuläre Fähigkeit zur Bewegung - gefördert und die Gewichtsverteilung durch Absenkung der Kruppe (Hankenbeugung) und Aufrichtung des Halses mehr auf die Hinterbeine verlegt. Die Reiter werden angehalten, stets über ihren Umgang mit dem Pferd nachzudenken und an sich selbst zu arbeiten; Fehler werden erst beim Reiter und nicht beim Pferd gesucht.

Im Unterschied zur Gebrauchsreiterei wird großer Wert auf feine Einwirkung, eine weichstmögliche, stets zum Nachgeben bereite Hand und unsichtbare Hilfengebung aus dem korrekten Sitz heraus gelegt.

Die bekanntesten Stätten der klassischen Reitkunst sind

 

  • die Spanische Hofreitschule in Wien, Österreich
  • die Königlich-Andalusische Reitschule in Jerez de la Frontera, Spanien
  • das Reitinstitut Egon von Neindorff in Karlsruhe, Deutschland
  • die Ecole Nationale d´Equitation in Saumur, Frankreich
  • die Escola Portuguesa de Arte Equestre in Queluz, Portugal

 

Die Reitkunst entwickelt aus den natürlichen Gangarten des Pferdes (Schritt, Trab, Galopp) die geregelten Reitgänge, die sogenannten Schulen auf der Erde: Passagieren, Piaffieren oder stolzer Tritt, Redopp und Schulen über der Erde: Levade, Pesade, Terre à Terre, Mezair, Courbette, Croupade, Ballotade, Kapriole.

Die meisten dieser Lektionen haben einen militärischen Ursprung, da diese Manöver es dem Reiter ermöglichten, Waffen vom Pferd aus und vor allem sein Pferd selber als Waffe im Nahkampf wirksam einsetzen zu können. Alle diese Bewegungen sind vorwärts gerichtet, während die Seitengänge das Pferd zu kurzen Wendungen befähigen, bei welchen es sich mit Vorder- und Hinterbeinen auf nebeneinander liegenden Linien, dem sogenannten doppelten Hufschlag, bewegt und die Füße der einen Seite über die der anderen hinwegschreiten. Hierher gehören die Schulen: Schulterherein, Travers, Renvers, Konterschulterherein, Traversale, Pirouette, das Passadieren, Quadrille und Karussell.

Geschichte und Entwicklung

Allgemein steht die Reitkunst im Spannungsfeld zwischen einem künstlerischen Anspruch der Verfeinerung des Pferdes als "l´art pour l´art" einerseits und dem praktischen Einsatz des Pferdes für bestimmte Dienstzwecke. Viele Lektionen der Reitkunst entwickelten sich ausgehend von praktischen Erwägungen, während umgekehrt auch Erkenntnisse und Methodik der Reitkunst mehr oder weniger ausgeprägt in die Gebrauchsreiterei einflossen. Solinski geht soweit, die Reiterei in eine zweckfreie Freizeitreiterei, zu der auch die klassische Reitkunst gehört, und eine praxisbezogene Nutzreiterei zu unterteilen. Als Scheidepunkte der Reitkunst kann man wohl folgende chronologisch geordnete Entwicklungen ansehen:

 

  • Das Ende der gepanzerten Ritter und der Beginn agilerer Kampfmanöver
  • Die im Barock sich zunehmend verfeinernde Lebensart des Adels, der über genug Muße verfügte
  • Die Vergrößerung der Kavallerietruppen und damit der Notwendigkeit einer Schnellausbildung
  • Die Entwicklung und Dominanz englischer Vollblüter
  • Die Entscheidung, die Turnierreiterei im 20. Jahrhundert auf den Prinzipien der Militärreiterei und nicht auf der reinen Lehre der Reitkunst zu basieren

Im Mittelalter gelangte die Reitkunst zu hoher Ausbildung durch das Rittertum und die Turniere, mit deren Verfall sie aufhörte, Allgemeingut der adligen Stände zu sein. Sie wurde danach noch an den Höfen gepflegt. Der Stallmeister gehörte zu den höchsten Hofbeamten und die Ausbildung in der Reitbahn war Haupterfordernis für die höfische Erziehung.

Die Begründung der modernen Reitkunst ist in Italien, speziell in Neapel (das damals zu Spanien gehörte) zu suchen, wo Federigo Griso eine Reitakademie errichtete, die vom Adel fast ganz Europas besucht wurde. Sein Schüler Pignatelli erfand die Kandare und zwei von dessen Schülern, Antoine de Pluvinel, der Erfinder der Pilaren und des ersten geordneten Dressursystems, und Salomon de la Broue, begründeten die neue Reitkunst in Frankreich, während ein dritter, der Chevalier Saint-Antoine, unter Jakob I. der erste Stallmeister in England wurde. Zu einer ersten Blüte gelangte die Reitkunst um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Reitschule in Versailles. François Robichon de la Guérinière, Stallmeister Ludwigs XV., gab der Reitkunst in seiner "Ecole de Cavalerie" eine wissenschaftliche Grundlage, auf welcher sie sich auch in Deutschland weiter entwickelte. Durch die Gründung von "academies d´equitation" bzw. Ritterakademien wurde versucht, auch das reiterliche Niveau zu halten bzw. zu verbessern.

Nach einer Tiefphase in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der sich die Aktivitäten der meisten Reiter auf die Turnierreiterei gemäß den Regeln und Vorgaben der FN konzentrierten, ist in den letzten Jahren wieder ein gesteigertes Interesse an dieser "reinen Lehre" zu erkennen, wie auch Vereinsgründungen wie Xenophon e. V. oder der Bundesverband für klassisch-barocke Reiterei oder Neugründungen von Hofreitschulen (Hofreitschule Bückeburg, Hofreitschule Wallerstein und der Académie du spectacle équestre in Versailles) belegen. Mit dazu beigetragen haben kann auch das steigende Interesse an Barockpferden, speziell Andalusiern, die sich als dem Reitsystem nach den Vorgaben der FN nicht gut zugänglich erwiesen und ihre Reiter nach Alternativen suchen ließen.

Wer sich auf Guérinière, Pluvinel und andere alte Meister beruft, gilt als klassischer Reiter. Der klassische Reiter begreift das Reiten nicht als Sport sondern als Kunst, der er praktisch sein Leben verschreibt. Nicht Erfolg steht im Vordergrund, sondern das Bestreben, das Pferd seinen Möglichkeiten entsprechend zu voller Entfaltung zu bringen - und das dauert seine Zeit. Das Pferd gilt als edles Geschöpf, dem man mit Respekt und Würde begegnet. Die klassische Reitweise bringt eine ganze Lebensphilosophie mit sich, die vor allem auch bedingt, dass der Reiter an sich selber arbeitet. Der klassische Reiter ist stets bestrebt, alles so leicht wie möglich aussehen zu lassen und mit dem Minimum an Hilfen auszukommen. Die Krone der Reiterei ist das Reiten schwieriger Lektionen auf einhändig geführter blanker Kandare oder gar ganz ohne Zügel. Um mit dem Minimum an Hilfen auszukommen ist es notwendig, dem Pferd auch seine Freiheit zuzugestehen und es in seinem Selbstbewusstsein zu bestärken. Die klassische Reitweise ist eine Impulsreitweise. Das heißt, die Hilfen werden so dezent wie möglich eingesetzt und sobald das Pferd darauf reagiert, setzen sie wieder aus. Im Vergleich zu anderen Reitweisen wird schon relativ früh Versammlung gefordert, dafür legt man weniger Wert auf eindrucksvolle Gangverstärkungen. Obwohl gerade die schwierigen Lektionen wie Schulsprünge, Piaffe usw. für viele Leute der Inbegriff der klassischen Reitweise sind, darf man nicht vergessen, das auch klassische Reiter mit jedem Pferd erstmal ganz vorne anfangen müssen. Lektionen werden geübt, wie sie das Pferd anbietet.

Die bevorzugten Pferde der alten Meister waren die heute sogenannten Barockpferderassen: Kurze, kompakte Pferde, die sich leicht versammeln lassen. Grundsätzlich kann aber jedes Pferd nach klassischen Grundsätzen ausgebildet werden. Die Leistung eines Pferdes wird an seinen individuellen Fähigkeiten und Schwierigkeiten gemessen, nicht an der Vorstellung eines perfekten, imaginären Pferdes. Turniere wie im modernen Dressursport gibt es in der klassischen Reitweise daher nicht. Sogenannte Barockturniere sind eine Erscheinung der Neuzeit und haben mit dem klassischen Reiten herzlich wenig gemein. Im Barock trafen sich die Reiter zum Pferdeballett und maßen sich im Lanzen- und Ringstechen. Dressurwettbewerbe wie die heutigen kannte man nicht.

 


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